Freitag, 14. August 2009

Tag 3

Für heute hatten wir geplant den Tag so früh wie möglich zu beginnen, damit wir ein bisschen eher nach Nara kommen, mit der Stadttour am Frühnachmittag fertig sind und dann nach Iga-Ueno weiterfahren können. Dort wollten wir das berühmte Ninja-Museum besuchen, das sich in dieser ländlichen Kleinstadt in der Präfektur Kyoto befindet. Früh aufzubrechen war natürlich kein Problem weil der Jetlag noch ein wenig seinen Tribut zollte. Es ist komisch wenn man um 05:30 aufwacht nur weil sein Körper danach verlangt. Normalerweise wache ich nur bei einem Kanonenschlag in der Früh auf! Darin lag jedoch ein weiterer Vorteil. Durch das frühe Aufwachen konnte ich noch ein wenig im DK-Führer lesen und so in Erfahrung bringen was der Tag denn so zu bieten hatte – und alles hörte sich faszinierend an.

Nara war die erste offizielle Haupstadt Japans. Im Gründungsjahr 710 n.Chr. war sie jedoch noch als Heijo bekannt. Nur 74 Jahre später bekam eine andere Stadt die neue Hauptstadt weil die Klöster in Nara zu mächtig wurden. Nara blieb jedoch auch nach der Aberkennung als Hauptstadt eines der mächtigsten Buddhistenstätten in Japan und vielleicht sogar in ganz Ostasien, insbesondere wegen des riesigen Todaiji-Tempels. Darauf hatten wir es heute auf jeden Fall abgesehen. Die Gegend um die alte Hauptstadt wird heute in Form eines Parks erhalten, wo sich alle alten Schreine und Tempel befinden.

Die Zugfahrt von Kyoto ist ziemlich kurz, sie kann jedoch zwischen 45 und 80 Minuten dauern, je nachdem, ob man einen Schnell- oder Bummelzug erwischt. Wir hatten Glück und unsere Fahrt dauerte nur etwa 50 Minuten. Nachdem wir Nara schon recht bald erreicht hatten gingen wir gleich vom Bahnhof zum Park östlich des Stadtzentrums. Es dauert eine Weile bis man den Park erreicht, aber nicht zu lange (ungefähr 20-25 Minuten), und das geschäftige Treiben in den Läden und Schaufenstern gestaltet den Weg interessant.

Am Rande des Parks befindet sich der Sarusawa-ike-Teich, eine Art natürlicher Grenze zwischen dem Park und der Stadt. Dort machten wir als erstes Halt:

Von hier aus gingen wir nach links und stiegen die Stufen zum Kofukuji-Tempel hinauf:

In diesem riesigen Komplex und mitten unter den verschiedenen Gebäuden (eine beeindruckende fünfstöckige Pagode inbegriffen) fällt einem eine der Attraktionen von Nara-Park ins Auge – und es handelt sich dabei um kein Gebäude:

Die heiligen Hirsche im Nara-Park sind überall zu finden. Wenn man sich umdreht ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass man einen sieht. Sie sind sehr zutraulich und kommen recht nah her. Sie lassen sich sogar streicheln aber nur wenn man sie mit Keksen „besticht“!

Danach gingen wir zur Hauptstraße zurück und folgten dem Pfad zum Kasuga-Taisha-Schrein, unserem ersten längeren Halt auf dieser Tour. Der Schrein liegt tief im Wald des Parks und ist gänzlich abgeschieden von den anderen Tempeln des Parks. Ich frage mich, ob dies irgendwas damit zu tun hat, dass dieser hier der einzige Shinto-Tempel ist (all die anderen sind buddhistische Tempel). So oder so hat es sich gelohnt hierher zu laufen (obwohl es vom Bahnhof aus fast eine Stunde gedauert hat). Auf dem Weg dorthin befinden sich Steinlaternen auf beiden Seiten des breiten Kieselsteinpfades,

die Bäume bieten angenehmen Schatten und es gibt mindestens ein Paar Brunnen, wo man sich mal schnell erfrischen kann.

Am Ende des größten Pfades befindet sich der Kasuga-Taisha-Schrein, in all seiner roten Pracht. Wenn man durch das südliche Nanmon-Tor geht, merkt man, dass sich hinter diesen Holzwänden etwas Besonderes befindet:

Nach einer kurzen Tour und Verschnaufpause auf den Stufen außerhalb des Schreins kehrten wir auf den Pfad zurück und gingen durch den dichten Wald in Richtung Norden des Parks. Auf dem Weg zum Todaiji-Tempel findet man einen kleinen Schreinkomplex, wo sich, u.a., der Tamukeyama-Hachimangu-Schrein zwischen den Bäumen verbirgt

sowie der beeindruckende Nigatsu-do-Tempel, der auf einem kleinen Hügel ruht:

Die Hitze fing wieder an uns zu schaffen zu machen, deswegen legten wir am Fuße des Hügels einen kurzen Zwischenstopp ein. Wir zogen anschließend unsere Karte zurate und gingen um die Ecke in Richtung Todaiji-Tempel. Die Halle des Großen Buddhas, die das Zentrum des Komplexes ausmacht, ist das größte rein aus Holz gebaute Gebäude der Welt:

Sie beherbergt eine große Buddhastatue (15m hoch, 500 Tonnen)

und zwei Wächterstatuen aus Holz neben dem Buddha:

Dies ist für mich bei weitem eines der beeindruckendsten Gebäude, das ich in meinem Leben gesehen habe. Seine bloße Größe und die Tatsache, dass alles aus Holz ist (mal abgesehen davon, dass es zweimal neu errichtet wurde weil es niederbrannte) lässt es mächtig imposant aussehen.

Kurz vor dem Verlassen des Tempels habe ich ein paar traditionelle O-Mamori (Glücksbringer) für Freunde und Familie gekauft. Ich denke, dass sie keinem bestimmten Zweck dienen (obwohl man welche für jede Lebenssituation bekommt, von Academic Excellence bis hin zu Impotenz!) aber sie sehen auf jeden Fall hübsch aus.

Wenn ihr noch ein paar Fotos von Nara sehen wollt, klickt bitte hier.

Es war jetzt ca. 14:30 und wir mussten uns wieder auf den Weg zum Bahnhof machen, um rechtzeitig in Iga-Ueno anzukommen. Die Fahrt war ein bisschen kompliziert weil wir zweimal umsteigen mussten (in Kizu und Kamo) ehe wir schließlich Iga-Ueno erreichten. Dies machte die Fahrt jedoch noch interessanter.

Als wir von der JR-Kyoto-Hauptlinie in die örtliche Kansai-Linie umstiegen, bemerkte ich, dass es unmöglich ist sich zu verlaufen. Alle Schilder und Karten in Bahnhöfen (sogar im winzigen 2-Gleis Bahnhof Kamo) sind sowohl auf Japanisch als auch Englisch. Zusammen mit einer guten Karte oder Führer kann man sich also sicher gut zurechtfinden.

Was diese Fahrt angeht hatten wir nicht so viel Glück. Als wir in Kamo in den Zug stiegen, merkten wir, dass es schon nach 16:00 war, und dass es eng werden würde. Wir unterhielten uns mit der einzigen Person im Zug, die nicht aus der Gegend war (ein amerikanischer Austauschschüler, der in der Nähe wohnte und in Kyoto studierte). Er hat uns erzählt, dass das Ninja-Museum auf jeden Fall einen Besuch wert ist, aber dass es so gegen 17:30 schließt, deswegen standen die Chancen schlecht, dass wir es rechtzeitig schaffen würden. Und wir kamen tatsächlich erst kurz nach 17:00 in Iga-Ueno an, gute zwei Stunden nachdem wir Nara verlassen hatten. Wir wussten, dass es nun zu spät für das Museum war, deshalb entschlossen wir uns nach Kyoto zurückzukehren und morgen dorthin zu fahren und uns dann etwas mehr Zeit zu lassen, da wir jetzt wussten wie lange wir von Kyoto aus brauchen würden.

Wir nahmen den nächsten Zug nach Kamo und fuhren dann nach Kyoto weiter. Leider erwischten wir diesmal einen langsamen Zug aber das machte nichts, da wir sehr müde waren und so die Gelegenheit einer Ruhepause gern entgegen nahmen. Und es ergab sich noch eine Gelegenheit: wir erlebten zwei weitere typische Vorfälle, die zeigen wie einzigartig die japanische Kultur ist.

Zuerst erlebten wir unser erstes Meishi, in anderen Worten das Austauschen von Visitenkarten. Uns saß ein gut, im Anzug gekleideter Herr mittleren Alters im Abteil gegenüber, der, sobald er in den Zug einstieg, anfing uns zu mustern. Anfangs dachten wir, dass das ein wenig seltsam war, da wir dachten, dass es doch sicherlich eine Menge ausländischer Touristen in Zügen zwischen Nara und Kyoto gäbe. Dann bemerkten wir jedoch warum er uns die ganze Zeit anschaute: er wollte mit uns sprechen. Er sagte also Hallo in einem Englisch, das wir anfangs nur sehr schlecht verstanden (später hatten wir uns daran gewöhnt) und fing an uns zu erklären, dass er Business-Englisch auf der Universität Osaka studiert, und dass er ganz scharf darauf sei zu üben. (Na ja, das haben wir verstanden! Haha) Kurz nachdem er Hallo sagte, zog er einen Kartenhalter aus seiner Jackentasche und gab uns beiden eine Karte (und natürlich hielt er die Karte mit beiden Händen). Ich war darauf vorbereitet und tat es ihm gleich. Er war davon sehr beeindruckt und betrachtete meine Karte ganz genau und begann dann mit aufrichtigem Interesse Fragen über meine Arbeit und wo ich arbeite zu stellen.

Die Umgangsformen im japanischen Geschäftsleben, besonders der Austausch von Visitenkarten, ist ein kulturelles Element, das man schon richtig hinkriegen möchte wenn man dort Geschäfte macht. Ich erfuhr jedoch, dass dies für jede Lebenssituation gilt. Ich habe die (eher ungewohnte!) Erfahrung, die Karte von jemandem genau zu betrachten und sich dann, nur durch reines Ansehen, angemessene Fragen zu überlegen sicherlich geschätzt. Das hält die Unterhaltung aufrecht. Es ist auch ein Zeichen von Respekt gegenüber der Person, mit der man spricht, dass man die Karte mit dem gleichen Respekt behandelt wie die Person. Man darf also nicht irgendwelche Sperenzchen machen und die Karte falten oder sie in die Gesäßtasche stecken – das wäre ein schlimmer Fauxpas!

Der zweite Vorfall war sogar noch bemerkenswerter – für Leute wie uns, die in einem Land leben, in dem Züge undenkbar sind und sich doch mit ständigen Verspätungen abfinden müssen. Nach einer Weile erreichte der Zug einen Bahnhof und nachdem die Passagiere einstiegen schlossen die Türen nicht und wir fuhren nicht weiter, aber nur für ungefähr zwei Minuten. Anscheinend ist eine zweiminütige Verspätung in einem japanischen Zug ziemlich schlimm. Der Schaffner machte eine Durchsage und auf einmal sprangen einige Leute von ihren Sitzen auf, rasten zum Schalter im Bahnhof und schließlich wieder zurück mit einem kleinen Stück Papier in ihrer Hand. Wir waren baff. Zum Glück saß ein anderer Westländer in der Nähe und bemerkte, dass wir überrascht waren und erklärte uns folgendes: Wenn es ein Gewitter in Kyoto gibt, werden alle einfahrenden Züge angehalten bis der Sturm vorbei ist. Der Rat, den man Passagieren gibt, lautet dann: holt euch eine Bestätigung, die verdeutlicht, dass die Verspätung die Schuld der Zuggesellschaft war. So hat man eine Entschuldigung falls man zu spät zur Arbeit kommt. Nur zur Erinnerung: dies passierte gegen 20:00 also scheint das die übliche Vorgehensweise in Japan zu sein…

Ein paar Minuten später fuhr der Zug weiter und wir erreichten Kyoto müde, aber mit einer Menge faszinierender Erinnerungen. Nun war es an der Zeit uns auszuruhen und uns für die Ausflüge am nächsten Tag vorzubereiten. Der eine würde uns nach Iga-Uena führen (diesmal ein erfolgreicher Besuch!) und der andere zur Burg Himeji.