Montag, 24. November 2008

Tag 2

Es ist 3:00 Uhr in der Früh und ich bin wach, was natürlich kaum eine Überraschung ist. Was immer ihr auch zuvor über Jetlags gehört habt stimmt absolut – sie bringen einen total aus dem Rhythmus. Wenn man etwas Gutes zum Lesen dabei hat (mein Dankeschön geht an Maria für den Tipp!), ist das aber überhaupt kein Problem. Sogar Lesen fühlt sich zu dieser Tageszeit aber ein bisschen seltsam an. Ein paar Stunden später beginnt ein schrilles, metallisches Geräusch unten von der Straße her lauter zu werden. Später sollte ich dann feststellen, dass dieses kontinuierliche Summen nichts anderes als der Gesang endloser Schwärme japanischer Zikaden war. Auf Japanisch werden sie als semi bezeichnet und sie nisten dort in jedem Baum. Insbesondere im Juli und August gibt es kaum einen Ort, an dem man sie nicht hören kann. Angeblich leben sie auch nur sehr kurz. Während sie am Leben sind, versuchen sie deshalb so oft wie möglich ihren betäubenden Gesang verlauten zu lassen.
Gegen 6:00 Uhr beschloss ich dann, dass es an der Zeit ist den Tag zu planen. In Kyoto gibt es ziemlich viel zu sehen, daher wäre es eine gute Idee, so viele Orte wie möglich an einem Tag zu besichtigen, damit wir an den Tagen, an denen wir noch in Kyoto sind, für unsere Ausflüge außerhalb der Stadt mehr Zeit haben. Für diese Art von Planung gibt es nichts Besseres als den erstklassigen Dorling-Kindersley-Führer, der sich als äußerst wertvoller Begleiter während der gesamten Reise entpuppte.

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zur Burg Nijo-jo, unserer ersten Station an diesem Tag. Es war kurz vor 9:00 als wir den 15-minütigen Fußmarsch zur Burg antraten und es fühlte sich so an, als hätte es schon 35°C. Wir brauchten ein bisschen Zeit, um uns an diese Hitze zu gewöhnen… Die Burg Nijo-jo wurde ursprünglich als offizieller Sitz des ersten Tokugawa Shoguns, Ieyasu, im Jahr 1603 erbaut und wurde 1626 vom dritten Tokugawa Shogun, Iemitsu, fertig gestellt. Heute gehört sie zu einer der 17 UNESCO Welterbestätten in Kyoto. Neben dem beeindruckenden Ninomaru Palast, der sich auch auf der Liste nationaler Kostbarkeiten in Japan befindet, kann man auf der Ostseite des Geländes sowie der verschiedenen imposanten Bauwerke um den inneren Honmaru Palast einfach nur einen Spaziergang in den vielen Gärten zwischen den Gebäuden genießen. Obwohl es um 10:00 Uhr schon extrem heiß war, stellten sich die Gärten und der Burggraben, der die Mauern von Honmaru umgibt, als ein angenehm kühles Intermezzo heraus.
Als wir die verschiedenen Räume im Inneren des Ninomaru Palastes besichtigten, konnten wir eine Reihe exklusiver Wandgemälde begutachten. Die wohl erwähnenswerteste Besonderheit dieses Gebäudes – abgesehen von den unglaublich alten und äußerst gut erhaltenen Gemälden (viele davon gehen zurück bis ins 17. Jahrhundert) – ist der berühmte Nachtigallenboden (Uguisu-Bari). Der Gedanke eines quietschenden Fußbodens, der so klingt wie ein Singvogel, wenn man darauf tritt, hört (und fühlt) sich wohl ziemlich unglaublich an. Diese Methode diente den Bewohnern des Palastes dazu, Eindringlinge besser hören zu können.
Wenn ihr an Fotos von der Burg Nijo-jo interessiert seid, klickt bitte hier.

Als nächstes wollten wir am Kaiserpalast Halt machen. Obwohl es auf der Karte so aussah, als ob er sich ziemlich in der Nähe der Burg Nijo-jo befände, brauchten wir doch gute zehn Minuten mit dem Taxi dorthin – zumindest um das Haupttor am nordwestlichen Punkt des Geländes zu erreichen. Ehe man als Besucher das Gelände betreten darf, braucht man eine Genehmigung vom kaiserlichen Hofamt, die man sich vor seinem Besuch besorgen muss. Diese bringt einige spezielle Richtlinien mit sich, deshalb kümmerten wir uns sofort darum und versuchten dann eine Führung am Nachmittag zu bekommen. Glücklicherweise war die englische Führung um 14:00 Uhr noch nicht voll. Später erfuhren wir dann von anderen Besuchern, die erst am Nachmittag ankamen, um sich die Genehmigung zu besorgen, dass sie am nächsten Tag wiederkommen mussten.

Nachdem wir unsere Genehmigungen erhalten hatten, machten wir uns auf zu unserem nächsten Halt, dem Shimogamo-Schrein, in die nördlichen Ausläufer der Stadt.
Dies ist einer der ältesten Schreine der Shinto-Religion in Kyoto. Genau genommen handelt es sich dabei um einen vollständigen Komplex kleiner Tempel, Lagerhallen und einer Reihe anderer Gebäude. Das Gelände befindet sich in einem sehr alten Wald, der nahezu als heilig betrachtet wird. Nachdem ich auf einem der Bänke im Park auf der Südseite des Schreins gesessen bin, kann ich es ihnen, um ehrlich zu sein, nicht verdenken. Die dichten Blätter lassen gerade genug Sonnenlicht durchstrahlen, um einen hellgrünen Hintergrund für Bäche, große Krähen, Jogger, und natürlich müde Touristen zu bilden.
Hier fand allerdings auch unser erstes seltsames Ereignis statt. Wie immer dachte ich mir, dass es klug wäre eine Führung des Hauptschreins zu machen, der normalerweise für Touristen nicht zugänglich ist. Wir bezahlten also einen bescheidenen Eintrittspreis und gingen in ein Vorzimmer, wo uns der Führer – mich, meinen Freund und ein junges japanisches Paar mit ihrem Baby – aufforderte, Platz zu nehmen. Der Führer zeigte uns einen kleinen Ordner mit Klarsichthüllen, in denen sich – auf einem Blatt Papier abgebildet – einige Wörter und Sätze auf Kanji befanden und begann ausführlichst die Geschichte des Schreins zu erzählen – in hervorragendem… Japanisch. Nach ein bis zwei Minuten, als wir merkten, dass es die Führung wohl nur auf Japanisch gab, fühlten wir uns ein bisschen unwohl. Wir warteten jedoch geduldig bis unser Führer seine Rede beendet hatte und folgten ihm aus dem Vorzimmer. Es sollte noch mehr kommen. Er führte uns dann zu dem Garten im Inneren des Schreins, wir folgten ihm also dorthin. Der Garten war wunderschön und der Schrein sah unglaublich alt aber sehr gut erhalten aus.
Währenddessen bombardierte uns der Führer mit detaillierten Einzelheiten, ohne sich überhaupt davon abschrecken zu lassen, dass zwei Gaijins, die eindeutig kein Wort verstanden, immer noch dabei waren. Mittlerweile war unsere Neugier auf das Innere des Schreins größer als unsere Unbehaglichkeit, wobei diese ganze Situation sicherlich als peinlich amüsant auf einen Beobachter von außen schien. Nachdem wir also weiter hinaus zu einem anderen Teil des Gartens gingen, wo wir ein offenes Tor sahen, das den Eingang des Geländes darstellte, packten wir die Gelegenheit beim Schopf und machten einen diskreten Abgang.

Nach einer kurzen, aber sehr willkommenen Pause in dem Park, den ich vorher erwähnte, entschlossen wir uns, uns zu unserem nächsten Ziel aufzumachen.

Wenn ihr ein paar Fotos vom Shimogamo-Schrein sehen wollt, klickt bitte hier.

Als nächstes machten wir in den Nordnordwestlichen Ausläufern der Stadt Halt, am wunderschönen Goldenen Pavillon (Kinkaku-ji). Er wurde 1397 erbaut, drei Jahre nachdem Ashikaga Yoshimitsu die Krone niederlegte und den Entschluss fasste, sich in dieser Gegend zurückzuziehen, um die Ruhe des Priestertums zu genießen. Der Pavillon befindet sich im Zentrum eines bezaubernden Gartens, am Rande eines Sees, der Spiegelsee genannt wird.
Der ursprüngliche Tempel wurde das letzte Mal 1950 in einem Brand zerstört. Daher ist der Pavillon, den man derzeit dort findet, ein Wiederaufbau, bei dem alle ursprünglichen Aspekte (Vergoldung durch Blattgold, Gemälde, usw.) originalgetreu wiederhergestellt wurden.
Bei einem Spaziergang in den Gärten konnte man einige herrliche Ausblicke genießen:
Wenn ihr noch mehr Fotos von Kinkaku-ji sehen wollt, klickt bitte hier.

Es war jetzt ungefähr zwei am Nachmittag und die Hitze wurde wirklich unerträglich. Eine Sache, die man in Japan schätzt – vor allem dort, wo es viele Besucher und Touristen gibt – sind die Automaten mit Erfrischungsgetränken, die sprichwörtlich überall stehen. Wenn die Japaner diese Automaten auch in Tempeln aufstellen dürften, würden sie das sicher tun. Und obwohl manche Marken sich nach eurem Geschmack wohl nicht sehr verlockend lesen oder anhören, wie z.B. Pocari Sweat („Sweat“ steht im Englischen für „Schweiß“), findet man in ihnen so ziemlich alle Erfrischungsgetränke, nach denen man in einem Automaten Ausschau hält. Manchmal findet man sogar Dinge, die man als Bürger aus dem Westen in einem Automaten nicht erwarten würde – wie Bier. Nicht, dass man in dieser Hitze überhaupt Bier trinken möchte...
Der Tipp für heute lautet also: schleppt keine 2-Liter-Wasserflaschen mit euch herum. Das Wasser wird sehr schnell warm und die Flaschen sind nur eine unnötige Last. Teilt euch das Wasser und die Erfrischungsgetränke ein während ihr unterwegs seid. Im Durchschnitt tranken wir ungefähr 4 Liter Wasser pro Tag wenn wir draußen waren, das Ganze kann also nach einer Zeit ziemlich teuer werden. Die andere Option wäre natürlich, nicht im August nach Japan zu fahren. (Hab ich das schon mal erwähnt? Keine Sorge, ihr werdet das immer wieder lesen.)

Nun war es Zeit zum Kaiserpalast für die Nachmittagsführung zurückzukehren.

Der Kaiserpalast in Kyoto ist definitiv eines der beeindruckendsten Bauwerke. Da der Kaiser von Japan bis 1869 (dann zog er nach der Meiji-Restauration nach Tokyo) in diesem Palast residierte und Kyoto ein bisschen länger als 1000 Jahre die Hauptstadt Japans war, macht es durchaus Sinn, dass dieser Gebäudekomplex Besonderheiten aufweist, die die Kunst und Architektur vieler Jahrhunderte widerspiegeln. Kurz vor dem Gishumon-Tor verließen wir mit den ca. 120 Touristen der Führung den Warteraum und gingen südlich die Westmauer des 11-Hektar-Anwesens entlang.

Wie sehr häufig wenn man in Japan äußerst luxuriöse Kulissen erwartet, bekommt man genau das Gegenteil. Die Bauweise der meisten Gebäude ist einfach und scheinbar gewöhnlich und den Gesamteindruck, den man von dem Lebensstil bekommt, den die Bewohner dieses Palastes wohl führten, lässt Enthaltsamkeit und Mäßigung vermuten. Eine Innenausstattung ist so gut wie nicht vorhanden und man findet höchstens jahrhundertealte Gemälde, entweder schwarze Tinte auf weißem Reispapier und Seide oder Farbpigmente auf Holzvertäfelungen, wie auf dem untenstehenden Bild:
Wie beim Kinkaku-ji war wohl die beeindruckendste Besonderheit der Anlage der sich im Osten befindliche wunderschöne (Oikeniwa) Garten. Ein weitreichendes System aus Kanälen endet in einem Teich, der unter anderem die schöne Keyakibashi-Brücke beheimatet:
Ein äußerst erfrischender Anblick in der glühenden Nachmittagshitze.

Wenn ihr noch mehr Fotos vom Kaiserpalast in Kyoto sehen wollt, klickt bitte hier.

Nachdem wir müde und ausgelaugt nach einem Tag, der um 3:00 in der Früh begann, auf unsere Uhren schauten, beschlossen wir, dass es um 16:00 Zeit war zu unserem Hotel zurückzukehren und uns auszuruhen – und vielleicht auch einen Versuch zu unternehmen, unsere innere Uhr zu synchronisieren. Deshalb machten wir uns nach einem Tag in Kyoto, der voll mit Besichtigungen war und den wir ausgiebig genossen, auf den Rückweg. Der morgige Tag würde uns nach Nara führen, der alten Hauptstadt Japans.

Fortsetzung folgt...