Dienstag, 9. September 2008

Tag 1

Es ist Zeit, sich auf den Weg zu machen. Mit dem Flug am 5. August um 13:00 Uhr machten wir uns auf zum Narita Flughafen, der sich ein paar Dutzend Meilen außerhalb Tokios befindet. Das wird eine lange Reise werden…

Es gibt viele Möglichkeiten von Großbritannien nach Japan zu fliegen. Nachdem wir uns erkundigt hatten, schien Virgin Atlantic am besten dafür geeignet zu sein. Für einen Mann wie mich mit einer Körpergröße von 1,94 m ist es in der Economy-Class aber immer noch ziemlich eng. Die Beinfreiheit ist begrenzt und der Sitz ist gerade einmal breit genug, um einem Mann meiner Größe Platz zu bieten. Der Vorteil dieser Klasse liegt darin, dass man erstaunliche Unterhaltung geboten bekommt. Dies beinhaltet mehr Filme, TV-Sendungen, Spiele, usw. als man sich irgendwie während dieses 12-Stunden-Flugs gönnen kann. Außerdem sind der Flugkomfort und das Essen großartig und man wird endlos mit Wasserflaschen versorgt, was wirklich ein Segen für solche Reisen ist. Obwohl sich meine Beine und mein Rücken während des Fluges zu Wort meldeten, kann ich mich im Großen und Ganzen nicht beklagen.

Auf jeden Fall bekommt man solche Ausblicke zu Gesicht:

Als wir in Richtung Südosten über Sibirien flogen und noch ungefähr fünf bis sechs Stunden von Tokio entfernt waren, konnten wir beobachten, wie die Sonne über dem Nordpol unterging. Ein ziemlich beeindruckender Anblick…

Am nächsten Tag kamen wir um 9:00 Uhr pünktlich in Narita an. Ich muss zugeben, dass ich nicht viel Schlaf im Flugzeug abbekam – nicht dass ich es versucht hätte. Ich weiß nicht, ob der Platzmangel, meine eigene Aufregung oder einfach nur die Versuchung des Unterhaltungsprogramms daran schuld waren. Wahrscheinlich war es eine gesunde Mischung von allem. Unsere Reise war bei weitem noch nicht beendet, da wir geplant hatten, am selben Tag gleich nach Kyoto zu fahren, was, wenn man mit der Bahn fährt, ungefähr 475 km westlich von Tokio liegt. Dort wollten wir die ersten sechs Tage unseres Aufenthalts verbringen und die Stadt als Ausgangslage für alle möglichen Kurzausflüge in den westlichen Teil von Honshu – der mittleren und größten Insel Japans – nutzen.

Nachdem wir also die Einwanderungskontrolle und die riesige Halle für Gepäckausgaben durchlaufen hatten, machten wir uns gleich auf zu den unterirdischen Fahrkartenschaltern der japanischen Bahn und lösten unsere im Vorfeld gekauften Rail-Pass-Gutscheine ein. Jeder, der mehr als eine Woche in Japan verbringen wird und vorhat, Züge für Besichtigungstouren zu nutzen oder mit dem berüchtigten Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen zu fahren, um lange Strecken zurückzulegen, sollte eines dieser magischen Papierstücke besitzen.

Man kann einen Pass bekommen, der eine Woche, zwei Wochen oder länger gültig ist und der anstelle einer Fahrkarte für die meisten Züge, die man in dieser Zeit überhaupt nutzen kann, verwendet werden kann. Ausnahmen, wo unterschiedliche Tarife und/oder Zuschläge gelten, sind der ultraschnelle Hochgeschwindigkeitszug Nozomi, und Nahverkehrszüge, die regional und nicht von JR betrieben werden. Und glaubt mir. Mit dem Zug kommt man in Japan so ziemlich überall hin. Ein bisschen wie in Großbritannien, aber obendrein mit einem wesentlich verlässlicheren Service. Ich weiß, dass Mitbürger aus Großbritannien (und andernorts) die folgende Aussage lustig finden werden aber ich muss sie trotzdem zitieren (leicht geändert), um euch eine Vorstellung zu verschaffen, was ich mit „verlässlichem Service“ meine. Aus einem englischen Artikel bei Wikipedia: Die Verspätung auf der Tokaido Shinkansen (eine der Hauptbahnstrecken in Japan) betrug im Jahr 2006 im Durchschnitt nur 0,3 Minuten. Wenn Züge nur fünf Minuten Verspätung haben, entschuldigt sich der Zugführer in einer Durchsage und die Bahngesellschaft stellt eine „Verspätungsbescheinigung“ aus. Japanische Passagiere verlassen sich sehr auf die Bahn und halten es für selbstverständlich, dass Züge pünktlich sind. Wenn Züge eine Stunde oder länger Verspätung haben, könnte das sogar in den Zeitungen erscheinen. Mit anderen Worten: nehmt den Zug wenn ihr in Japan seid und wenn ihr vorhabt ihn häufig zu verwenden, plant voraus und besorgt euch einen Rail-Pass bevor ihr die Reise antretet. Als Besucher bekommt man ihn nur im Ausgangsland, in Japan wird er nirgends verkauft.

Nun folgt ein Bericht meiner ersten Erfahrung mit der japanischen Kultur. Mein Freund und ich gehen zum Fahrkartenschalter, unser Gepäck im Schlepptau und wahrscheinlich mit einem leicht besorgten Gesicht, ob wir an der richtigen Stelle sind. Ein ziemlich lebhafter Mann, wahrscheinlich so Anfang 60, springt von seinem Stuhl und heißt uns in perfektem Englisch willkommen. Wir setzen uns vor seinem Schreibtisch hin, er nimmt unsere Gutscheine und beginnt, die Rail-Pässe für uns bereitzustellen. Seine Vorgesetzte, eine junge Frau Anfang 30, die gerade nicht mit einem anderen Kunden beschäftigt ist, kommt in der Zwischenzeit zu uns hinüber. Als ihr der Herr erklärt, dass wir unsere 1-Wochen-Pässe am gleichen Tag verwenden wollen, fragt sie uns höflich wo wir denn hinfahren wollen. Sie bietet uns dann sogleich an, Plätze und Fahrkarten zu reservieren, sowohl für die Fahrt von Narita zum Bahnhof Shinagawa in Tokio (es ist besser dort in den Shinkansen umzusteigen weil es einfacher ist sich dort zurechtzufinden als im Zentrum von Tokio) als auch für den Hochgeschwindigkeitszug Hikari - dem zweitschnellsten Zug nach dem Nozomi - von Shinagawa nach Kyoto. Noch ehe wir begreifen konnten, dass ein für uns erwartungsgemäß langer und mühsamer Vorgang in weniger als zwei Minuten beendet war, und dass uns zwei Leute gleichzeitig betreuten, versorgt uns die Dame auch schon mit den Fahrkarten und fragt uns, ob wir auch die Abfahrts- und Ankunftszeiten der Züge genau wüssten. Als wir dann unsere Köpfe heben nachdem wir die Fahrkarten auf dem Tisch begutachteten, schießt der Mann geradezu auf, eilt auf die andere Seite des Raumes und bringt uns eine Stadtkarte und eine Broschüre mit allen Sehenswürdigkeiten in Kyoto, beide auf Englisch. Wie zuvor mit den Rail-Pässen übergibt er diese mit beiden Händen und mit einer kleinen Verbeugung und bedankt sich, dass wir gekommen sind und ihm die Gelegenheit boten, uns zu dienen (was als Etikette bei Kunden in jedem Laden oder Restaurant in Japan gilt). Mit allen Dokumenten in der Hand verlassen wir den Fahrkartenschalter und haben noch etwas Zeit übrig ehe wir den Narita Express nach Tokio nehmen müssen. Da habe ich dann bemerkt, dass ich womöglich gerade im gastfreundlichsten Land der Welt angekommen bin…

Man könnte leicht sagen, dass es zu diesem Zeitpunkt zu früh ist, um so etwas zu beurteilen, und dass es genügend andere Länder auf der Welt mit höflichen und gastfreundlichen Leuten gibt. Genau genommen weiß ich mit Sicherheit, dass eine Reihe der griechischen Leser das gleiche über Griechenland sagen (obwohl, tief im Innersten, wissen sie, dass dies nicht mehr der Wahrheit entspricht…). Ich weiß auch, wie bekannt England und Großbritannien wegen ihrer Höflichkeit und ihrem Benehmen der Leute auf der ganzen Welt sind. Keines dieser Länder und der vielen anderen Völker und Kulturen, die ich in meinem Leben besucht habe, sind nur annähernd mit meiner Erfahrung in Japan vergleichbar. Ich sage das natürlich nicht nur wegen dem Vorfall, den ich gerade beschrieb. Im Nachhinein und nachdem ich fast zwei ganze Wochen dort verbracht habe, befinden sich die Japaner ganz oben auf meiner Liste, was Professionalität, Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, gutes Benehmen und einfach nur die Leistung angeht. Und sie haben meinen vollen Respekt dafür.

Die Zugfahrt im Narita Express war nicht so schnell wie der Name vermuten ließ. Der Zug hielt an einigen Bahnhöfen in den Vororten von Tokio. Für die Fahrt zum Bahnhof Shinagawa benötigten wir also ungefähr 80 Minuten. Von dort gingen wir gleich zu den Bahnsteigen, an denen die Shinkansen abfahren, welche im belebten Bahnhof klar ausgeschrieben sind. Hier fiel es mir zum ersten Mal auf, dass jedes einzelne Schild an einem Bahnhof sowohl auf Japanisch als auch Englisch ist. An den folgenden Tagen bemerkte ich dann, dass dies sogar auf die entlegensten Bahnhöfe zutrifft. Das ist für einen wie mich von großer Bedeutung, der keine Ahnung von Kanji, Hiragana oder Katakana – verschiedene japanische Schriftzeichen – hat.

Nun war es an der Zeit für eine Begegnung mit dem Shinkansen. Für einen Zug mit dem Namen „Hochgeschwindigkeitszug“, sollte er wohl besser auch so aussehen! Hier einer meiner Schnappschüsse des Nozomi N700:

Da wir aber den Nozomi mit unseren Rail-Pässen ohne Zuschlag nicht nehmen konnten, mussten wir ein paar Minuten länger auf diesen Hikari 300 warten:


Als wir einstiegen war es 12:08, der Zug fuhr wie geplant um 12:10 ab und wir kamen in Kyoto planmäßig um 14:48 an. Ich glaube mich zu erinnern, dass mein Freund und ich die ersten 20-30 Minuten der Fahrt kaum miteinander sprachen. Ich glaube nicht, oder ich weiß es sogar, dass die Müdigkeit zu diesem Zeitpunkt einfach zu groß war. Vielmehr war es ein unglaubliches Gefühl in diesem Zug zu fahren. Als er vom Bahnhof Shinagawa abfuhr und langsam beschleunigte, konnten wir bereits sehen, dass Bäume, Häuser und andere Gegenstände immer schneller und schneller an uns vorbeizogen. Und dann irgendwann, vielleicht ein paar Meilen weiter, als der Zug immer noch beschleunigte, verspürten wir einen plötzlichen Ruck und dann beschleunigte er wirklich. Ich hätte wesentlich mehr Lärm von einem Zug dieser Geschwindigkeit im Waggon erwartet. Der Außenlärm wurde jedoch komplett abgeschottet. Ich konnte kaum hören, wie sich die Räder auf den Schienen drehten und die ganze Fahrt über glitten wir geschmeidig dahin. Ich kann mir gar nicht vorstellen wie es in einer richtigen Magnetschwebebahn wäre. Der Eurostar ist der einzig andere superschnelle Zug, mit dem ich schon gefahren bin. Seine Geschwindigkeit ist besonders hoch wenn man den Nordwesten Frankreichs Richtung Paris durchquert. Im Vergleich zu der Erfahrung mit dem Shinkansen fühlt er sich jedoch immer noch ziemlich gewöhnlich an.

Für einige Zeit genoss ich die Zugfahrt in ziemlicher Stille und das verschaffte mir die Möglichkeit etwas anderes wahrzunehmen: die Landschaft. Dort, wo keine Städte oder Großstädte sind, sieht man automatisch einen mit Wald bewachsenen Hügel oder Berg. Alles ist dick mit tropischem Grün bedeckt – ein ziemlich anderer Anblick für mich wenn ich es mit den grünen Grashügeln der südlichen Grafschaften Englands vergleiche.

Nachdem wir Kyoto erreicht hatten und uns einen Imbiss in einem der vielen Restaurants am Hauptbahnhof genehmigt hatten, machten wir uns mit Erleichterung, dass wir uns bald ausruhen konnten, auf zum Hotel. Die gesamte Reise von Tür zu Tür dauerte gute 23 Stunden. Kaum ohne Schlaf aber mit jeder Menge Aufregung über die Tage, die folgen würden, ließ ich mich in meinem Zimmer nieder und schloss um 17:00 meine Augen.

Das Beste sollte erst noch kommen…