Montag, 24. November 2008

Tag 2

Es ist 3:00 Uhr in der Früh und ich bin wach, was natürlich kaum eine Überraschung ist. Was immer ihr auch zuvor über Jetlags gehört habt stimmt absolut – sie bringen einen total aus dem Rhythmus. Wenn man etwas Gutes zum Lesen dabei hat (mein Dankeschön geht an Maria für den Tipp!), ist das aber überhaupt kein Problem. Sogar Lesen fühlt sich zu dieser Tageszeit aber ein bisschen seltsam an. Ein paar Stunden später beginnt ein schrilles, metallisches Geräusch unten von der Straße her lauter zu werden. Später sollte ich dann feststellen, dass dieses kontinuierliche Summen nichts anderes als der Gesang endloser Schwärme japanischer Zikaden war. Auf Japanisch werden sie als semi bezeichnet und sie nisten dort in jedem Baum. Insbesondere im Juli und August gibt es kaum einen Ort, an dem man sie nicht hören kann. Angeblich leben sie auch nur sehr kurz. Während sie am Leben sind, versuchen sie deshalb so oft wie möglich ihren betäubenden Gesang verlauten zu lassen.
Gegen 6:00 Uhr beschloss ich dann, dass es an der Zeit ist den Tag zu planen. In Kyoto gibt es ziemlich viel zu sehen, daher wäre es eine gute Idee, so viele Orte wie möglich an einem Tag zu besichtigen, damit wir an den Tagen, an denen wir noch in Kyoto sind, für unsere Ausflüge außerhalb der Stadt mehr Zeit haben. Für diese Art von Planung gibt es nichts Besseres als den erstklassigen Dorling-Kindersley-Führer, der sich als äußerst wertvoller Begleiter während der gesamten Reise entpuppte.

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zur Burg Nijo-jo, unserer ersten Station an diesem Tag. Es war kurz vor 9:00 als wir den 15-minütigen Fußmarsch zur Burg antraten und es fühlte sich so an, als hätte es schon 35°C. Wir brauchten ein bisschen Zeit, um uns an diese Hitze zu gewöhnen… Die Burg Nijo-jo wurde ursprünglich als offizieller Sitz des ersten Tokugawa Shoguns, Ieyasu, im Jahr 1603 erbaut und wurde 1626 vom dritten Tokugawa Shogun, Iemitsu, fertig gestellt. Heute gehört sie zu einer der 17 UNESCO Welterbestätten in Kyoto. Neben dem beeindruckenden Ninomaru Palast, der sich auch auf der Liste nationaler Kostbarkeiten in Japan befindet, kann man auf der Ostseite des Geländes sowie der verschiedenen imposanten Bauwerke um den inneren Honmaru Palast einfach nur einen Spaziergang in den vielen Gärten zwischen den Gebäuden genießen. Obwohl es um 10:00 Uhr schon extrem heiß war, stellten sich die Gärten und der Burggraben, der die Mauern von Honmaru umgibt, als ein angenehm kühles Intermezzo heraus.
Als wir die verschiedenen Räume im Inneren des Ninomaru Palastes besichtigten, konnten wir eine Reihe exklusiver Wandgemälde begutachten. Die wohl erwähnenswerteste Besonderheit dieses Gebäudes – abgesehen von den unglaublich alten und äußerst gut erhaltenen Gemälden (viele davon gehen zurück bis ins 17. Jahrhundert) – ist der berühmte Nachtigallenboden (Uguisu-Bari). Der Gedanke eines quietschenden Fußbodens, der so klingt wie ein Singvogel, wenn man darauf tritt, hört (und fühlt) sich wohl ziemlich unglaublich an. Diese Methode diente den Bewohnern des Palastes dazu, Eindringlinge besser hören zu können.
Wenn ihr an Fotos von der Burg Nijo-jo interessiert seid, klickt bitte hier.

Als nächstes wollten wir am Kaiserpalast Halt machen. Obwohl es auf der Karte so aussah, als ob er sich ziemlich in der Nähe der Burg Nijo-jo befände, brauchten wir doch gute zehn Minuten mit dem Taxi dorthin – zumindest um das Haupttor am nordwestlichen Punkt des Geländes zu erreichen. Ehe man als Besucher das Gelände betreten darf, braucht man eine Genehmigung vom kaiserlichen Hofamt, die man sich vor seinem Besuch besorgen muss. Diese bringt einige spezielle Richtlinien mit sich, deshalb kümmerten wir uns sofort darum und versuchten dann eine Führung am Nachmittag zu bekommen. Glücklicherweise war die englische Führung um 14:00 Uhr noch nicht voll. Später erfuhren wir dann von anderen Besuchern, die erst am Nachmittag ankamen, um sich die Genehmigung zu besorgen, dass sie am nächsten Tag wiederkommen mussten.

Nachdem wir unsere Genehmigungen erhalten hatten, machten wir uns auf zu unserem nächsten Halt, dem Shimogamo-Schrein, in die nördlichen Ausläufer der Stadt.
Dies ist einer der ältesten Schreine der Shinto-Religion in Kyoto. Genau genommen handelt es sich dabei um einen vollständigen Komplex kleiner Tempel, Lagerhallen und einer Reihe anderer Gebäude. Das Gelände befindet sich in einem sehr alten Wald, der nahezu als heilig betrachtet wird. Nachdem ich auf einem der Bänke im Park auf der Südseite des Schreins gesessen bin, kann ich es ihnen, um ehrlich zu sein, nicht verdenken. Die dichten Blätter lassen gerade genug Sonnenlicht durchstrahlen, um einen hellgrünen Hintergrund für Bäche, große Krähen, Jogger, und natürlich müde Touristen zu bilden.
Hier fand allerdings auch unser erstes seltsames Ereignis statt. Wie immer dachte ich mir, dass es klug wäre eine Führung des Hauptschreins zu machen, der normalerweise für Touristen nicht zugänglich ist. Wir bezahlten also einen bescheidenen Eintrittspreis und gingen in ein Vorzimmer, wo uns der Führer – mich, meinen Freund und ein junges japanisches Paar mit ihrem Baby – aufforderte, Platz zu nehmen. Der Führer zeigte uns einen kleinen Ordner mit Klarsichthüllen, in denen sich – auf einem Blatt Papier abgebildet – einige Wörter und Sätze auf Kanji befanden und begann ausführlichst die Geschichte des Schreins zu erzählen – in hervorragendem… Japanisch. Nach ein bis zwei Minuten, als wir merkten, dass es die Führung wohl nur auf Japanisch gab, fühlten wir uns ein bisschen unwohl. Wir warteten jedoch geduldig bis unser Führer seine Rede beendet hatte und folgten ihm aus dem Vorzimmer. Es sollte noch mehr kommen. Er führte uns dann zu dem Garten im Inneren des Schreins, wir folgten ihm also dorthin. Der Garten war wunderschön und der Schrein sah unglaublich alt aber sehr gut erhalten aus.
Währenddessen bombardierte uns der Führer mit detaillierten Einzelheiten, ohne sich überhaupt davon abschrecken zu lassen, dass zwei Gaijins, die eindeutig kein Wort verstanden, immer noch dabei waren. Mittlerweile war unsere Neugier auf das Innere des Schreins größer als unsere Unbehaglichkeit, wobei diese ganze Situation sicherlich als peinlich amüsant auf einen Beobachter von außen schien. Nachdem wir also weiter hinaus zu einem anderen Teil des Gartens gingen, wo wir ein offenes Tor sahen, das den Eingang des Geländes darstellte, packten wir die Gelegenheit beim Schopf und machten einen diskreten Abgang.

Nach einer kurzen, aber sehr willkommenen Pause in dem Park, den ich vorher erwähnte, entschlossen wir uns, uns zu unserem nächsten Ziel aufzumachen.

Wenn ihr ein paar Fotos vom Shimogamo-Schrein sehen wollt, klickt bitte hier.

Als nächstes machten wir in den Nordnordwestlichen Ausläufern der Stadt Halt, am wunderschönen Goldenen Pavillon (Kinkaku-ji). Er wurde 1397 erbaut, drei Jahre nachdem Ashikaga Yoshimitsu die Krone niederlegte und den Entschluss fasste, sich in dieser Gegend zurückzuziehen, um die Ruhe des Priestertums zu genießen. Der Pavillon befindet sich im Zentrum eines bezaubernden Gartens, am Rande eines Sees, der Spiegelsee genannt wird.
Der ursprüngliche Tempel wurde das letzte Mal 1950 in einem Brand zerstört. Daher ist der Pavillon, den man derzeit dort findet, ein Wiederaufbau, bei dem alle ursprünglichen Aspekte (Vergoldung durch Blattgold, Gemälde, usw.) originalgetreu wiederhergestellt wurden.
Bei einem Spaziergang in den Gärten konnte man einige herrliche Ausblicke genießen:
Wenn ihr noch mehr Fotos von Kinkaku-ji sehen wollt, klickt bitte hier.

Es war jetzt ungefähr zwei am Nachmittag und die Hitze wurde wirklich unerträglich. Eine Sache, die man in Japan schätzt – vor allem dort, wo es viele Besucher und Touristen gibt – sind die Automaten mit Erfrischungsgetränken, die sprichwörtlich überall stehen. Wenn die Japaner diese Automaten auch in Tempeln aufstellen dürften, würden sie das sicher tun. Und obwohl manche Marken sich nach eurem Geschmack wohl nicht sehr verlockend lesen oder anhören, wie z.B. Pocari Sweat („Sweat“ steht im Englischen für „Schweiß“), findet man in ihnen so ziemlich alle Erfrischungsgetränke, nach denen man in einem Automaten Ausschau hält. Manchmal findet man sogar Dinge, die man als Bürger aus dem Westen in einem Automaten nicht erwarten würde – wie Bier. Nicht, dass man in dieser Hitze überhaupt Bier trinken möchte...
Der Tipp für heute lautet also: schleppt keine 2-Liter-Wasserflaschen mit euch herum. Das Wasser wird sehr schnell warm und die Flaschen sind nur eine unnötige Last. Teilt euch das Wasser und die Erfrischungsgetränke ein während ihr unterwegs seid. Im Durchschnitt tranken wir ungefähr 4 Liter Wasser pro Tag wenn wir draußen waren, das Ganze kann also nach einer Zeit ziemlich teuer werden. Die andere Option wäre natürlich, nicht im August nach Japan zu fahren. (Hab ich das schon mal erwähnt? Keine Sorge, ihr werdet das immer wieder lesen.)

Nun war es Zeit zum Kaiserpalast für die Nachmittagsführung zurückzukehren.

Der Kaiserpalast in Kyoto ist definitiv eines der beeindruckendsten Bauwerke. Da der Kaiser von Japan bis 1869 (dann zog er nach der Meiji-Restauration nach Tokyo) in diesem Palast residierte und Kyoto ein bisschen länger als 1000 Jahre die Hauptstadt Japans war, macht es durchaus Sinn, dass dieser Gebäudekomplex Besonderheiten aufweist, die die Kunst und Architektur vieler Jahrhunderte widerspiegeln. Kurz vor dem Gishumon-Tor verließen wir mit den ca. 120 Touristen der Führung den Warteraum und gingen südlich die Westmauer des 11-Hektar-Anwesens entlang.

Wie sehr häufig wenn man in Japan äußerst luxuriöse Kulissen erwartet, bekommt man genau das Gegenteil. Die Bauweise der meisten Gebäude ist einfach und scheinbar gewöhnlich und den Gesamteindruck, den man von dem Lebensstil bekommt, den die Bewohner dieses Palastes wohl führten, lässt Enthaltsamkeit und Mäßigung vermuten. Eine Innenausstattung ist so gut wie nicht vorhanden und man findet höchstens jahrhundertealte Gemälde, entweder schwarze Tinte auf weißem Reispapier und Seide oder Farbpigmente auf Holzvertäfelungen, wie auf dem untenstehenden Bild:
Wie beim Kinkaku-ji war wohl die beeindruckendste Besonderheit der Anlage der sich im Osten befindliche wunderschöne (Oikeniwa) Garten. Ein weitreichendes System aus Kanälen endet in einem Teich, der unter anderem die schöne Keyakibashi-Brücke beheimatet:
Ein äußerst erfrischender Anblick in der glühenden Nachmittagshitze.

Wenn ihr noch mehr Fotos vom Kaiserpalast in Kyoto sehen wollt, klickt bitte hier.

Nachdem wir müde und ausgelaugt nach einem Tag, der um 3:00 in der Früh begann, auf unsere Uhren schauten, beschlossen wir, dass es um 16:00 Zeit war zu unserem Hotel zurückzukehren und uns auszuruhen – und vielleicht auch einen Versuch zu unternehmen, unsere innere Uhr zu synchronisieren. Deshalb machten wir uns nach einem Tag in Kyoto, der voll mit Besichtigungen war und den wir ausgiebig genossen, auf den Rückweg. Der morgige Tag würde uns nach Nara führen, der alten Hauptstadt Japans.

Fortsetzung folgt...

Dienstag, 9. September 2008

Tag 1

Es ist Zeit, sich auf den Weg zu machen. Mit dem Flug am 5. August um 13:00 Uhr machten wir uns auf zum Narita Flughafen, der sich ein paar Dutzend Meilen außerhalb Tokios befindet. Das wird eine lange Reise werden…

Es gibt viele Möglichkeiten von Großbritannien nach Japan zu fliegen. Nachdem wir uns erkundigt hatten, schien Virgin Atlantic am besten dafür geeignet zu sein. Für einen Mann wie mich mit einer Körpergröße von 1,94 m ist es in der Economy-Class aber immer noch ziemlich eng. Die Beinfreiheit ist begrenzt und der Sitz ist gerade einmal breit genug, um einem Mann meiner Größe Platz zu bieten. Der Vorteil dieser Klasse liegt darin, dass man erstaunliche Unterhaltung geboten bekommt. Dies beinhaltet mehr Filme, TV-Sendungen, Spiele, usw. als man sich irgendwie während dieses 12-Stunden-Flugs gönnen kann. Außerdem sind der Flugkomfort und das Essen großartig und man wird endlos mit Wasserflaschen versorgt, was wirklich ein Segen für solche Reisen ist. Obwohl sich meine Beine und mein Rücken während des Fluges zu Wort meldeten, kann ich mich im Großen und Ganzen nicht beklagen.

Auf jeden Fall bekommt man solche Ausblicke zu Gesicht:

Als wir in Richtung Südosten über Sibirien flogen und noch ungefähr fünf bis sechs Stunden von Tokio entfernt waren, konnten wir beobachten, wie die Sonne über dem Nordpol unterging. Ein ziemlich beeindruckender Anblick…

Am nächsten Tag kamen wir um 9:00 Uhr pünktlich in Narita an. Ich muss zugeben, dass ich nicht viel Schlaf im Flugzeug abbekam – nicht dass ich es versucht hätte. Ich weiß nicht, ob der Platzmangel, meine eigene Aufregung oder einfach nur die Versuchung des Unterhaltungsprogramms daran schuld waren. Wahrscheinlich war es eine gesunde Mischung von allem. Unsere Reise war bei weitem noch nicht beendet, da wir geplant hatten, am selben Tag gleich nach Kyoto zu fahren, was, wenn man mit der Bahn fährt, ungefähr 475 km westlich von Tokio liegt. Dort wollten wir die ersten sechs Tage unseres Aufenthalts verbringen und die Stadt als Ausgangslage für alle möglichen Kurzausflüge in den westlichen Teil von Honshu – der mittleren und größten Insel Japans – nutzen.

Nachdem wir also die Einwanderungskontrolle und die riesige Halle für Gepäckausgaben durchlaufen hatten, machten wir uns gleich auf zu den unterirdischen Fahrkartenschaltern der japanischen Bahn und lösten unsere im Vorfeld gekauften Rail-Pass-Gutscheine ein. Jeder, der mehr als eine Woche in Japan verbringen wird und vorhat, Züge für Besichtigungstouren zu nutzen oder mit dem berüchtigten Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen zu fahren, um lange Strecken zurückzulegen, sollte eines dieser magischen Papierstücke besitzen.

Man kann einen Pass bekommen, der eine Woche, zwei Wochen oder länger gültig ist und der anstelle einer Fahrkarte für die meisten Züge, die man in dieser Zeit überhaupt nutzen kann, verwendet werden kann. Ausnahmen, wo unterschiedliche Tarife und/oder Zuschläge gelten, sind der ultraschnelle Hochgeschwindigkeitszug Nozomi, und Nahverkehrszüge, die regional und nicht von JR betrieben werden. Und glaubt mir. Mit dem Zug kommt man in Japan so ziemlich überall hin. Ein bisschen wie in Großbritannien, aber obendrein mit einem wesentlich verlässlicheren Service. Ich weiß, dass Mitbürger aus Großbritannien (und andernorts) die folgende Aussage lustig finden werden aber ich muss sie trotzdem zitieren (leicht geändert), um euch eine Vorstellung zu verschaffen, was ich mit „verlässlichem Service“ meine. Aus einem englischen Artikel bei Wikipedia: Die Verspätung auf der Tokaido Shinkansen (eine der Hauptbahnstrecken in Japan) betrug im Jahr 2006 im Durchschnitt nur 0,3 Minuten. Wenn Züge nur fünf Minuten Verspätung haben, entschuldigt sich der Zugführer in einer Durchsage und die Bahngesellschaft stellt eine „Verspätungsbescheinigung“ aus. Japanische Passagiere verlassen sich sehr auf die Bahn und halten es für selbstverständlich, dass Züge pünktlich sind. Wenn Züge eine Stunde oder länger Verspätung haben, könnte das sogar in den Zeitungen erscheinen. Mit anderen Worten: nehmt den Zug wenn ihr in Japan seid und wenn ihr vorhabt ihn häufig zu verwenden, plant voraus und besorgt euch einen Rail-Pass bevor ihr die Reise antretet. Als Besucher bekommt man ihn nur im Ausgangsland, in Japan wird er nirgends verkauft.

Nun folgt ein Bericht meiner ersten Erfahrung mit der japanischen Kultur. Mein Freund und ich gehen zum Fahrkartenschalter, unser Gepäck im Schlepptau und wahrscheinlich mit einem leicht besorgten Gesicht, ob wir an der richtigen Stelle sind. Ein ziemlich lebhafter Mann, wahrscheinlich so Anfang 60, springt von seinem Stuhl und heißt uns in perfektem Englisch willkommen. Wir setzen uns vor seinem Schreibtisch hin, er nimmt unsere Gutscheine und beginnt, die Rail-Pässe für uns bereitzustellen. Seine Vorgesetzte, eine junge Frau Anfang 30, die gerade nicht mit einem anderen Kunden beschäftigt ist, kommt in der Zwischenzeit zu uns hinüber. Als ihr der Herr erklärt, dass wir unsere 1-Wochen-Pässe am gleichen Tag verwenden wollen, fragt sie uns höflich wo wir denn hinfahren wollen. Sie bietet uns dann sogleich an, Plätze und Fahrkarten zu reservieren, sowohl für die Fahrt von Narita zum Bahnhof Shinagawa in Tokio (es ist besser dort in den Shinkansen umzusteigen weil es einfacher ist sich dort zurechtzufinden als im Zentrum von Tokio) als auch für den Hochgeschwindigkeitszug Hikari - dem zweitschnellsten Zug nach dem Nozomi - von Shinagawa nach Kyoto. Noch ehe wir begreifen konnten, dass ein für uns erwartungsgemäß langer und mühsamer Vorgang in weniger als zwei Minuten beendet war, und dass uns zwei Leute gleichzeitig betreuten, versorgt uns die Dame auch schon mit den Fahrkarten und fragt uns, ob wir auch die Abfahrts- und Ankunftszeiten der Züge genau wüssten. Als wir dann unsere Köpfe heben nachdem wir die Fahrkarten auf dem Tisch begutachteten, schießt der Mann geradezu auf, eilt auf die andere Seite des Raumes und bringt uns eine Stadtkarte und eine Broschüre mit allen Sehenswürdigkeiten in Kyoto, beide auf Englisch. Wie zuvor mit den Rail-Pässen übergibt er diese mit beiden Händen und mit einer kleinen Verbeugung und bedankt sich, dass wir gekommen sind und ihm die Gelegenheit boten, uns zu dienen (was als Etikette bei Kunden in jedem Laden oder Restaurant in Japan gilt). Mit allen Dokumenten in der Hand verlassen wir den Fahrkartenschalter und haben noch etwas Zeit übrig ehe wir den Narita Express nach Tokio nehmen müssen. Da habe ich dann bemerkt, dass ich womöglich gerade im gastfreundlichsten Land der Welt angekommen bin…

Man könnte leicht sagen, dass es zu diesem Zeitpunkt zu früh ist, um so etwas zu beurteilen, und dass es genügend andere Länder auf der Welt mit höflichen und gastfreundlichen Leuten gibt. Genau genommen weiß ich mit Sicherheit, dass eine Reihe der griechischen Leser das gleiche über Griechenland sagen (obwohl, tief im Innersten, wissen sie, dass dies nicht mehr der Wahrheit entspricht…). Ich weiß auch, wie bekannt England und Großbritannien wegen ihrer Höflichkeit und ihrem Benehmen der Leute auf der ganzen Welt sind. Keines dieser Länder und der vielen anderen Völker und Kulturen, die ich in meinem Leben besucht habe, sind nur annähernd mit meiner Erfahrung in Japan vergleichbar. Ich sage das natürlich nicht nur wegen dem Vorfall, den ich gerade beschrieb. Im Nachhinein und nachdem ich fast zwei ganze Wochen dort verbracht habe, befinden sich die Japaner ganz oben auf meiner Liste, was Professionalität, Höflichkeit, Hilfsbereitschaft, gutes Benehmen und einfach nur die Leistung angeht. Und sie haben meinen vollen Respekt dafür.

Die Zugfahrt im Narita Express war nicht so schnell wie der Name vermuten ließ. Der Zug hielt an einigen Bahnhöfen in den Vororten von Tokio. Für die Fahrt zum Bahnhof Shinagawa benötigten wir also ungefähr 80 Minuten. Von dort gingen wir gleich zu den Bahnsteigen, an denen die Shinkansen abfahren, welche im belebten Bahnhof klar ausgeschrieben sind. Hier fiel es mir zum ersten Mal auf, dass jedes einzelne Schild an einem Bahnhof sowohl auf Japanisch als auch Englisch ist. An den folgenden Tagen bemerkte ich dann, dass dies sogar auf die entlegensten Bahnhöfe zutrifft. Das ist für einen wie mich von großer Bedeutung, der keine Ahnung von Kanji, Hiragana oder Katakana – verschiedene japanische Schriftzeichen – hat.

Nun war es an der Zeit für eine Begegnung mit dem Shinkansen. Für einen Zug mit dem Namen „Hochgeschwindigkeitszug“, sollte er wohl besser auch so aussehen! Hier einer meiner Schnappschüsse des Nozomi N700:

Da wir aber den Nozomi mit unseren Rail-Pässen ohne Zuschlag nicht nehmen konnten, mussten wir ein paar Minuten länger auf diesen Hikari 300 warten:


Als wir einstiegen war es 12:08, der Zug fuhr wie geplant um 12:10 ab und wir kamen in Kyoto planmäßig um 14:48 an. Ich glaube mich zu erinnern, dass mein Freund und ich die ersten 20-30 Minuten der Fahrt kaum miteinander sprachen. Ich glaube nicht, oder ich weiß es sogar, dass die Müdigkeit zu diesem Zeitpunkt einfach zu groß war. Vielmehr war es ein unglaubliches Gefühl in diesem Zug zu fahren. Als er vom Bahnhof Shinagawa abfuhr und langsam beschleunigte, konnten wir bereits sehen, dass Bäume, Häuser und andere Gegenstände immer schneller und schneller an uns vorbeizogen. Und dann irgendwann, vielleicht ein paar Meilen weiter, als der Zug immer noch beschleunigte, verspürten wir einen plötzlichen Ruck und dann beschleunigte er wirklich. Ich hätte wesentlich mehr Lärm von einem Zug dieser Geschwindigkeit im Waggon erwartet. Der Außenlärm wurde jedoch komplett abgeschottet. Ich konnte kaum hören, wie sich die Räder auf den Schienen drehten und die ganze Fahrt über glitten wir geschmeidig dahin. Ich kann mir gar nicht vorstellen wie es in einer richtigen Magnetschwebebahn wäre. Der Eurostar ist der einzig andere superschnelle Zug, mit dem ich schon gefahren bin. Seine Geschwindigkeit ist besonders hoch wenn man den Nordwesten Frankreichs Richtung Paris durchquert. Im Vergleich zu der Erfahrung mit dem Shinkansen fühlt er sich jedoch immer noch ziemlich gewöhnlich an.

Für einige Zeit genoss ich die Zugfahrt in ziemlicher Stille und das verschaffte mir die Möglichkeit etwas anderes wahrzunehmen: die Landschaft. Dort, wo keine Städte oder Großstädte sind, sieht man automatisch einen mit Wald bewachsenen Hügel oder Berg. Alles ist dick mit tropischem Grün bedeckt – ein ziemlich anderer Anblick für mich wenn ich es mit den grünen Grashügeln der südlichen Grafschaften Englands vergleiche.

Nachdem wir Kyoto erreicht hatten und uns einen Imbiss in einem der vielen Restaurants am Hauptbahnhof genehmigt hatten, machten wir uns mit Erleichterung, dass wir uns bald ausruhen konnten, auf zum Hotel. Die gesamte Reise von Tür zu Tür dauerte gute 23 Stunden. Kaum ohne Schlaf aber mit jeder Menge Aufregung über die Tage, die folgen würden, ließ ich mich in meinem Zimmer nieder und schloss um 17:00 meine Augen.

Das Beste sollte erst noch kommen…

Sonntag, 7. September 2008

Zur Einführung…

Da haben wir’s. Hier handelt es sich in der Tat um einen eher ungewohnten Vorstoß, und um ehrlich zu sein wird es wohl eine Weile dauern, bis ich mich an den Gedanken gewöhne, an einem Blog zu schreiben. Vor kurzem konnte ich mich jedoch glücklich schätzen und für zwei Wochen Japan besichtigen. Es gibt zuviel zu erzählen und bekunden, E-Mails würden dem also nicht gerecht.

Die Leute, die mich ein bisschen kennen, wissen, dass ich ein leidenschaftlicher Reisender und Fotograf bin und wenn ich sage, dass dies die beste Reise war, die ich je gemacht habe, meine ich das genau so. Japan war jetzt schon seit vielen Jahren auf meiner Reiseliste. Ich kann mich nicht einmal an das erste Mal erinnern, als mich die exotische Geschichte und Kultur dieses fernen Landes faszinierte. Ich schreibe die Schuld den Samurais zu… und auch Akira Kurosawa. Er war sehr bekannt in Griechenland als ich jünger war und damit begann, mich eingehend mit Filmen aus aller Welt zu beschäftigen. Als die Burg Himeji vor meinen eigenen Augen emporragte, spürte ich wieder ein wenig dieses Prickeln, das Ran erstmals in meinem Nacken auslöste. Die gewaltigen Kampfszenen und die Dramatik der Geschichte erinnerten sehr an die des König Lear.

In den nächsten Tagen (ich sollte wohl eher Wochen sagen weil es in Wirklichkeit so lange dauern wird) werde ich euch hier die Einzelheiten von Sehenswürdigkeiten und meiner gesammelten Erfahrung mitteilen und einen weiteren Girisha-No Gaijin vorstellen, der ausreichend Mut bewies und mich diese zwei Wochen im August 2008 begleitete. (Zur Erinnerung und als Ratschlag an die Leser: meidet Japan im August!) Es wird interessante, verblüffende, fantastische, rätselhafte, wunderschöne und witzige Dinge zu erzählen geben. Für mich als Bürger der westlichen Welt war dies eine Erfahrung, die mir in langer Erinnerung bleiben wird. Ich hoffe, dass es mir gelingt einige Erfahrungen mit euch zu teilen.